Die Frage ist nicht, was dir steht. Die Frage ist, was du sagen willst.
Wannimmer ich mich als Make-up Artist zu erkennen gebe, auf Veranstaltungen, im Kundentermin oder auch bei Freunden. Immer und immer wieder bekomme ich die gleiche Art Frage gestellt: „Welche Farben stehen mir eigentlich?" Oder: „Kannst du mir sagen, wie ich mich schminken soll, damit ich gut aussehe?"
Kurze Antwort: Ja, kann ich.
Längere Antwort: Das ist die falsche Frage. ;)
Es gibt keinen „richtigen Look"
Die Beauty- und Modeindustrie hat uns Frauen jahrzehntelang ziemlich erfolgreich etwas absurdes verkauft: Wir Frauen sollen jung, schlank und perfekt aussehen. Und NATÜRLICH gibt es jedes Jahr Trends, die uns veranlassen neue Produkte zu kaufen. Noch eine Diät auszuprobieren. Oder uns so zu shapen, dass wir mit 60 noch aussehen wie mit 40. Oder eben Klamotten, die deine Figur „kaschieren”.
Kaschieren. Schon dieses Wort.
Als wäre dein Körper ein Problem, das gelöst werden muss.
Diese Logik hat eine ganze Generation von Frauen beigebracht, Styling als Korrektursystem zu denken. Als Werkzeug, um Makel zu verstecken und Konventionen zu erfüllen. Als ob das Ziel wäre, möglichst nah an ein neutrales Ideal heranzukommen, das für alle gilt.
Das stimmt aber nicht. Es hat noch nie gestimmt.
Was ich technisch kann – und warum das nicht der Punkt ist
Ich kann jeder Frau jeden Look geben. Das ist keine Übertreibung, das ist Handwerk.
Kühl und minimalistisch? Kein Problem. Dramatisch und ausdrucksstark? Machen wir. Strukturiert und autoritär? Weich und nahbar? Kreativ und unkonventionell? Alles davon ist technisch umsetzbar, farblich stimmig zu bringen, handwerklich sauber auszuführen.
Warme Hauttöne funktionieren nicht nur mit Erdtönen, das ist ein hartnäckiger Mythos. Ein kühles, fast grafisches Make-up auf warmem Teint kann atemberaubend sein, wenn es zur Aussage passt. Blond ist nicht automatisch „soft". Dunkelbraune Haare sind nicht automatisch „seriös". Das sind Assoziationen, keine Naturgesetze.
Die Farbenlehre, die Formenlehre, das Wissen über Kontraste und Proportionen: das ist das Handwerk. Das ist das, was ich gelernt habe. Aber Handwerk allein macht noch keine gute Beratung.
Gute Beratung fängt mit einer anderen Frage an.
Die eigentliche Arbeit: Was soll gelesen werden?
Bevor ich irgendjemanden in eine Farbe stecke oder einen Look entwickle, will ich verstehen: In welcher Rolle bist du gerade aktiv? Was soll jemand denken, fühlen, verstehen – wenn er dich ansieht?
Das klingt abstrakt. Ist es nicht. Lass mich konkret werden.
Beispiel 1: Die Unternehmensberaterin, die zu jung wirkt
Emma ist 34, hochqualifiziert, führt Teams. Aber in Meetings wird sie regelmäßig für eine Praktikantin gehalten. Das Problem: Ihr Styling sendet Signale von Zugänglichkeit und Verspieltheit: Klimperwimpern, weiches Rouge, helle Lippen. Wirkt alles nett und sagt: ich bin gefühlsbetont, weich, “ich kümmere mich um dich”. Alles falsch für den Kontext.
Was sie braucht, sind aber auch keine „ernsteren Farben" nach Schema F. Was sie braucht, ist eine Übersetzung ihrer tatsächlichen Autorität in visuelle Sprache. Das bedeutet: klarere Kontraste, präzisere Linien, ein Make-up das Struktur betont und nicht weichzeichnet. Sie soll nicht streng wirken, aber präsent.
Wir haben einmal trainiert und das Feedback war unglaublich: sie wurde nie wieder zum Kaffee holen geschickt und sagt, dass sie inzwischen deutlich weniger reden muss, um zu überzeugen. Ihre Präsenz wirkt spürbar im Raum ohne sich aufzudrängen..
Beispiel 2: Die Kreativdirektorin, die zu glatt wirkt
Ramona arbeitet in der Werbebranche. Da, wo “originell sein”Währung ist. Aber sie hat sich jahrelang „professionell" gekleidet, um mit Kunden souverän zu verhandeln. Damit hat sie aber ungewollt kommuniziert: Ich bin wie alle anderen. Die Frage ist nicht, ob ihr Businesslook gut sitzt. Er sitzt perfekt. Die Frage ist: Was sagt er über ihr Denken aus?
Hier geht es darum, gezielt Brüche einzubauen. Irgendeine Art unerwartetes Detail wie Ohrringe, kreatives Augenmakeup, besondere Elemente in der Frisur. Wir wollen sagen: ich verhandle zwar professionell, aber ich hab trotzdem einen Blick für die spannenden Eyecatcher.
Du verstehst, worauf das hier hinaus läuft?
Die drei Fragen, die ich immer stelle
1. In welchem Kontext wirst du gesehen?
Nicht nur beruflich oder privat. Sondern: Bist du in einem Umfeld, das Konformität belohnt oder Individualität? Führst du oder unterstützt du? Bist du die Person, die den Ton angibt oder die, die noch beweisen muss, dass sie gehört werden sollte? Bist du an der vorderen Front oder die Superkraft dahinter?
Das verändert alles.
2. Was wird gerade über dich angenommen und stimmt das?
Viele Frauen kämpfen gegen eine Wahrnehmung, die nichts mit ihnen zu tun hat. Sie wirken zugänglicher als sie sind. Oder einschüchternder. Oder jünger, älter, weicher, kantiger. Styling kann diese Lücke zwischen Fremdwahrnehmung und Selbstbild schließen. Aber dafür muss man erstmal wissen, ob sie existiert und in wieweit.
3. Was willst du, dass die Menschen nach dem ersten Gespräch über dich denken?
Nicht: wie will ich aussehen. Sondern: welchen Eindruck will ich hinterlassen? Das ist ein Riesenunterschied. Schönheit ist passiv. Eindruck ist aktiv.
Warum „du siehst gut aus" manchmal das Problem ist
Hier ist etwas, das ich selten laut sage, aber immer denke: „Du siehst gut aus" ist nicht das Ziel!
Das wäre nur eine Beobachtung, aber wo soll die hinführen?.
Gut im Vergleich zu was? Gut in welchem Kontext? Gut für wen?
Das Beste, das eine Kundin nach einem Training zu mir sagen kann ist: “Ich sehe aus wie ich und ich kann MEINE Schönheit jetzt sehen.”Es geht nicht nur um „schön" und schon gar nicht um “perfekt", sondern darum, dass es sich “richtig” anfühlt. Das bedeutet: Die Außenwirkung deckt sich mit dem, was innen ist. Das Styling übersetzt die Person, nicht eine Version von ihr, die gesellschaftlichen Normen entspricht.
Das ist eine andere Herangehensweise als das der Modemagazine oder Influenzer. Für mich ist es es ehrlicher und vor allem authentisch.
Was das für dich bedeutet
Wenn du das nächste Mal vor dem Spiegel stehst und denkst: „Ich weiß nicht, was zu mir passt", dann stell dir nicht die Frage, was dir steht.
Stell dir diese:
Welche Rolle übernehme ich gerade? Mutter, Führungskraft, Kreative, Expertin, Gastgeberin – jede Rolle hat eine visuelle Sprache, und du darfst sie bewusst wählen.
Was soll der erste Eindruck sein? Nicht das Ideal-Image aus irgendeiner Pinterest-Vorlage. Sondern: Was ist deine Botschaft heute?
Was passt nicht mehr? Manchmal ist das Unbehagen vor dem Spiegel kein Geschmacksproblem, sondern ein Signal, dass du dich entwickelt hast und dein Styling noch nicht nachgezogen hat.
Mein Job in einem Satz
Ich übersetze das, was gelesen werden soll, in optische Sprache.
Nicht mehr und nicht weniger.
Das setzt voraus, dass wir zuerst klären, was gelesen werden soll. Diese Auseinandersetzung ist manchmal unbequem. Sie wirft Fragen auf, die über Lippenstiftfarben weit hinausgehen. Oftmals bringt sie auch weit überholte Glaubenssätze auf den Tisch und das ist gut so. Die dürfen wir gleich noch mit ausmisten. Aus meiner Perspektive ist das der einzige Weg, der dich zu einem Styling bringt, das nicht nur gut aussieht, sondern sich gut anfühlt. Weil es stimmt.
Und wenn dein Look stimmt, merkst du das. Nicht weil andere es sagen. Sondern weil du aufhörst, daran zu zweifeln.
Du merkst, dass dein Styling nicht mehr zu dem passt, wer du gerade bist? Dann lass uns reden.